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Zum Umgang mit Smartphones und Chatbots. 

Von Prof. Dr. Alfred-Joachim Hermanni

29.05.2023


Der private Hörfunksender Radio Trausnitz führte am 29. Mai 2023 ein Interview mit mir zu den aktuellen Themen „Smartphone-Nutzung“ und „Chatbots-Anwendung“.

Inwiefern die Nutzung eines Smartphones empfehlenswert ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab, einschließlich der individuellen Bedürfnisse, Umstände und Verwendungszwecke. Letztendlich liegt es an jedem Einzelnen, die Vor- und Nachteile abzuwägen und zu entscheiden, ob die Nutzung eines Smartphones für sie empfehlenswert ist. Es kann hilfreich sein, bewusst und maßvoll mit dem Gerät umzugehen, um seine Vorteile zu nutzen, ohne den potenziellen negativen Auswirkungen zu erliegen.

Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Chatbots in verschiedenen Bereichen eine wirksame Anwendung finden können, darunter Kundenservice, Bildung, Gesundheitswesen und Unterhaltung. Sie können die Effizienz verbessern, indem sie repetitive Aufgaben automatisieren und Ressourcen freisetzen. Andererseits bringen Chatbots bestimmte Gefahren und Herausforderungen mit sich. So können Chatbots aufgrund von Missverständnissen oder begrenzter künstlicher Intelligenz falsche Informationen liefern oder die Benutzeranfragen nicht richtig verstehen. Ebenso erfordert die Interaktion mit Chatbots häufig die Offenlegung persönlicher Informationen. Wenn diese Daten nicht angemessen geschützt sind, können Datenschutzverletzungen auftreten.


Das Interview mit Radio Trausnitz können Sie hier nachlesen.


Radio Trausnitz: Was macht eine Smartphone-Nutzung mit unserem Gehirn?

Hermanni: Eines ist offensichtlich: Bei einer intensiven Mediennutzung wird das menschliche Hirn geschädigt. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass häufig Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen vorliegen, wenn Menschen zu lange einen Bildschirm ohne Pausen betrachten. Es ist kein Scherz, dass Erwachsene – ähnlich wie ältere Heranwachsende - eigentlich nicht mehr als zwei Stunden täglich vor einem Bildschirm verbringen sollten. Dass sich dieser Ratschlag in der Arbeitswelt schwerlich umsetzen lässt, steht auf einem anderen Blatt.

Zurück zur Beeinträchtigung der Merk- und Erinnerungsfähigkeit. Durch das mobile Telefon, das gern als externer Speicherplatz eingesetzt wird, können sich viele Menschen nicht einmal mehr an die Handynummer ihres Partners erinnern. Also Vorsicht: Wenn wir immer mehr Informationen auf das Mobiltelefon outsourcen und das Denkvermögen Technologien überlassen, wird unser Hirn schrumpfen.


Radio Trausnitz: Wie wirkt sich die Nutzung des Smartphones während der Arbeit auf unsere Aufmerksamkeit aus?

Hermanni: Bereits das Vorhandensein eines Smartphones am Arbeitsplatz hat einen negativen Einfluss auf die Leistungen des Denkorgans. Amerikanische Wissenschaftler fanden heraus, dass wir allein schon durch die Nähe eines Smartphones abgelenkt werden. Denn das Unterbewusstsein sendet uns ständig Signale, dass wir etwas verpassen könnten, wenn wir nicht regelmäßig auf das Display des mobilen Geräts schauen. Durch diesen Zustand der kontinuierlichen Alarmbereitschaft werden wir unaufmerksamer und vernachlässigen unsere eigentliche Tätigkeit am Arbeitsplatz.


Radio Trausnitz: Erhöht die Nutzung von Smartphones die Gefahr für Unfälle/Fehler (z.B. während Arbeit, Auto fahren etc.)?

Hermanni: Eindeutig ja. Tagtäglich erleben wir im Straßenverkehr, dass Autofahrer zum Smartphone greifen und dabei die Gefahr von Unfällen völlig unterschätzen. Schon ein Bruchteil einer Sekunde unkonzentrierten Fahrens reicht aus, um die Kontrolle über das Fahrzeug zu verlieren. Um das an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wenn ein Fahrer bei einer Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern erst nach einer Sekunde reagiert, muss er noch einen Reaktionsweg von 30 Meter zurücklegen, um anhalten zu können.

Die Nutzung des Smartphones kann am Arbeitsplatz ebenso gefährlich werden, weil sich durch die Ablenkung das Unfallrisiko wesentlich erhöht. Stellen wir uns beispielsweise vor, dass Smartphones auf Baustellen verwendet werden und somit von Gefahrenquellen ablenken oder Maschinen unbeaufsichtigt laufen.


Radio Trausnitz: Wie steht es um die Nutzung von Smartphones bei Kindern: Was sind hier spezielle Gefahren und Risiken?

Hermanni: Zunächst einmal sollten wir zur Kenntnis nehmen, dass der Umgang mit Smartphones im Kindesalter beginnt: Mehr als 60 Prozent der 6- und 7-jährigen Kinder nutzen bereits ein Smartphone, bei den 10- bis 12-Jährigen sind es schon mehr als 90 Prozent.

Als größte Gefahr stufe ich die Abhängigkeit von Smartphones ein. Um ein Beispiel zu nennen: Menschen nutzen das Mobiltelefon mit seinen zusätzlichen Funktionen häufig als Speicherinstrument für unterschiedliche Datenformate. Man muss dann nicht mehr selbst etwas im Hirn abspeichern, sondern lagert Informationen einfach aus und legt sie in einem externen Archiv ab. Dadurch entsteht ein starkes Abhängigkeitsverhältnis zu digitalen Technologien.

Im Weiteren verleiten Smartphones mit ihren Messenger-Diensten auch zur oberflächlichen Wahrnehmung von Informationen, die schnell überflogen und fast gar nicht verarbeitet werden. Alles geschieht heutzutage mit einem hastigen Denken unter Zeitdruck. Man will ja nichts versäumen in unserer schnelllebigen Welt.

Schließlich leidet das Sozialverhalten. Denken Sie nur an gemeinsame Essen mit der Familie oder Freunden, bei dem das Smartphone als ständiger Begleiter auf dem Tisch liegt. Diesem Gerät wird zuweilen mehr Aufmerksamkeit geschenkt als unseren Mitmenschen, die sich eigentlich zu einem geselligen Meinungsaustausch versammelt haben. In meinen Augen ist dieses absurde Verhalten ein klares No-Go.


Radio Trausnitz: Wie gestaltet sich ein sinnvoller Umgang mit dem Smartphone?

Hermanni: Um eine gesunde Entwicklung von Heranwachsenden zu gewährleisten, empfiehlt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass Kinder unter drei Jahren keine Bildschirmmedien nutzen. Kinder zwischen drei und sechs Jahren sollten nicht länger als 30 Minuten vor dem Bildschirm verbringen und Heranwachsende ab sechs Jahren höchstens 60 Minuten am Tag. Inwiefern mit jedem Lebensjahr die Bildschirmzeit um eine Stunde pro Woche erhöht werden kann, ist diskussionswürdig.

Nebenbei bemerkt: Diese Empfehlungen für einen sinnvollen Umgang mit Bildschirmmedien gelten für alle Arten von Monitoren, die bei der Übertragung von Medien zum Einsatz kommen. Also für Displays von Videogames ebenso wie für Smartphones oder Fernsehapparate.


Radio Trausnitz: Auf welche Weise funktionieren Chatbots?

Hermanni: Bei Chatbots handelt es sich um eine Anwendung der Künstlichen Intelligenz. Anders ausgedrückt: Maschinen unterhalten sich mit Menschen in einer mehr oder minder natürlich klingenden Sprache. Das funktioniert im Prinzip so, dass Personen Fragen stellen, auf die Maschinen antworten. Je nach Standard eines Chatbots können die Fragen per Text- oder Audioeingabe mithilfe eines Mikrofons oder in Kombination beider Techniken erfolgen.

Wenn wir historisch zurückblicken, sind Chatbots seit 2016 in Europa im Einsatz. So wie es aussieht, verfügen alle Technikkonzerne wie Amazon, Apple, Google, IBM oder Microsoft über eigene Dialogsysteme mit sprachlichen Fähigkeiten. Und insofern sind junge Menschen mit Dialogsystemen wie Alexa, Cortana, Google Assistent und Siri aufgewachsen.

Von großer Wichtigkeit ist, dass sich durch moderne, maschinell gesteuerte Lerntechnologien das Wissen der Chatbots ständig weiterentwickelt. Wohlgemerkt: In naher Zukunft werden künstliche Intelligenz-Maschinen über mehr Wissen verfügen als Menschen. Weshalb ist das wichtig? Die Menschheit braucht Regeln für den Einsatz mit Künstlicher Intelligenz. Und diese Regeln sollten die Grundsätze der Transparenz, Rechtmäßigkeit, Verantwortlichkeit und Sicherheit erfüllen.


Radio Trausnitz: Welchen Sinn haben Chatbots?

Hermanni: Chatbots kommen vor allem im Rahmen der Kundenkommunikation zum Einsatz. Die Kunden stellen Fragen beispielsweise bei einem Onlineshop, auf die dann das System zeitnah antwortet. Wie bei einem Gespräch mit einem menschlichen Kundenberater erhalten sie im Chat Antworten etwa zu Produktinformationen, zur Verfügbarkeit der Dienstleistung oder zum Kundenservice. Selbstverständlich müssen die Informationen zu möglichen Fragen zuvor gesammelt, den Fragen zugeordnet und programmiert werden.

Elektronische Dialogsysteme können auch sinnvoll im Haushalt eingesetzt werden, beispielsweise indem sie den Staubsaugroboter oder die Heizung steuern, Rollläden bedienen oder online Waren bestellen. Auch die Wissenschaft profitiert von Chatbots, wenn etwa verlässlichere Daten zu erheben sind.

Hochwertige Chatbots kommunizieren über Websites, Messenger, Telefonanlagen und Sprachassistenten. Im Allgemeinen können sie auch Daten speichern oder sogenannte Leads generieren, also neue Interessenten gewinnen. Im Dialog mit dem Chatbot signalisieren viele Personen ihr Interesse an Produkten oder Dienstleistungen und geben freiwillig ihre personenbezogenen Daten ab. Bedeutsam ist, dass Chatbots wie ChatGPT oder Replika, die auf maschinellem Lernen basieren, sich anhand von Nutzeranfragen ständig weiterentwickeln.


Radio Trausnitz: Welche Gefahren gibt es hier bei Chatbots vor allem für Kinder?

Hermanni: Damit kein Missverständnis aufkommt: Auch Chatbots machen Fehler, etwa bei der Beratung oder verstoßen gegen den Datenschutz, weil sie falsch programmiert wurden.

Probleme bei der Nutzung sehe ich vor allem, wenn die Künstliche Intelligenz missbräuchlich eingesetzt wird. Zum Beispiel, um Hausarbeiten von Schülern und Studenten zu lösen. In Hamburg haben kürzlich mehrere Schüler bei der Abi-Prüfung Programme eingesetzt, die von der Künstlichen Intelligenz unterstützt werden. Der Betrugsversuch wurde selbstverständlich geahndet.

Als gefährlich einzustufen sind die ChatBots, die vorsätzlich mit rassistischen und sexistischen Anfragen gefüttert werden und unter anderem den Jugendschutz verletzen. Besorgniserregend empfinde ich es, wenn moderate Nutzer radikalisiert werden.

Hauptsächlich elektronische Dialogsysteme, die zu falschen Freunden von Kindern werden, stellen eine große Gefahr dar. Sie bestärken die Kinder bei ihren unreifen Plänen, ohne eine menschliche Kompetenz vorweisen zu können, und werden dennoch zu katastrophalen Ratgebern. Inzwischen weiß man, dass vornehmlich für erotische Rollenspiele die Nutzung von Chatbots schnell ansteigt.

Was Eltern sinnvoll tun können, ist die soziale Interaktion mit ihren Kindern kontinuierlich zu pflegen. Insbesondere Heranwachsende, die sich schwertun andere Kinder und Jugendliche zu kontaktieren, bedürfen einer besonderen Fürsorge.
Eltern sollten im Umgang mit den sozialen Medien aufmerksam sein und ihre Kinder vor potenziellen Gefahren schützen. Besonders Online-Herausforderungen, sogenannte Challenges, bestehen aus Risiken, die in Mutproben enden oder Cybermobbing oder Belästigung fördern. Schließlich sollte der Medienkonsum an das Lebensalter der Kinder angepasst werden.

Die wichtigste Aufgabe, die wir alle in die Praxis umsetzen müssen, ist, dass Menschen die Macht über die Künstliche Intelligenz für immer behalten. Wenn wir diese exorbitante Herausforderung nicht bewältigen, steuert die Menschheit auf eine geistige Apokalypse zu. Ich danke Ihnen für das Gespräch.