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„Influencer Illness“ – Eine theoretisch fundierte Betrachtung eines neuartigen Abhängigkeitsphänomens im digitalen Zeitalter.

Prof. Dr. Alfred-Joachim Hermanni

Mai 2025


1 Einführung 
Das theoretisch fundierte, deskriptiv-theoretische Konzept der Influencer Illness (Influencer-Krankheit) beschreibt ein neuartiges psychosoziales Belastungsphänomen, das im Kontext digitaler Mediennutzung und sozialer Netzwerke beobachtet wird.

Es bezieht sich auf negative psychische und soziale Begleiterscheinungen, die im Zusammenhang mit einer intensiven, emotional aufgeladenen und wiederholten Rezeption von Influencer-Inhalten auftreten können. Im Fokus stehen dabei nicht allgemeine Mediennutzungseffekte, sondern spezifische Formen personalisierter, parasozialer und algorithmisch verstärkter Einflussprozesse, die über klassische mediale Wirkmechanismen hinausgehen.

Der Begriff beschreibt die negativen psychischen und sozialen Folgen, die bei Social-Media-Nutzern auftreten können, wenn sie sich intensiv, emotional aufgeladen und wiederholt mit den Inhalten von Influencern auseinandersetzen. Er spiegelt die Schattenseite einer hochgradig personalisierten, reichweitenstarken und kontinuierlichen Beeinflussung wider, die über traditionelle mediale Wirkungsmechanismen überschreiten.

2 Definition und Zielsetzung

Wann wird die intensive Rezeption von Influencer-Inhalten subjektiv belastend und alltagsrelevant beeinträchtigend? Unter Influencer Illness wird ein subjektiv als belastend erlebtes und in sozialen Funktionsbereichen eingeschränktes Erleben und Verhalten verstanden, das mit einer überdurchschnittlich intensiven und emotionalisierten Auseinandersetzung mit Influencer-Inhalten einhergeht (Hermanni, 2025).

Von Influencer Illness wird gesprochen, wenn diese Merkmale hinsichtlich Intensität, Dauer oder subjektiver Beeinträchtigung deutlich über alltagsübliche Mediennutzungsmuster hinausgehen, insbesondere in Form von:

  • einer hohen Nutzungsfrequenz und starken Bindung an spezifische Influencer-Personas,
  • ausgeprägter emotionaler Identifikation mit deren Lebensstil, Werten oder Konsumempfehlungen,
  • algorithmisch verstärkter Exposition gegenüber inhaltlich ähnlichen Influencer-Formaten,
  • einem Verlust kritischer Distanz sowie gesteigerten Vergleichs- und Anpassungstendenzen.

Ziel des Konzepts ist es, solche psychosozialen Belastungsmuster systematisch zu beschreiben, ihre Einbettung in mediale Nutzungskontexte zu analysieren und Ansatzpunkte für Prävention und Intervention zu identifizieren. Dabei werden sowohl individuelle Dispositionen als auch strukturelle Merkmale der Plattform- und Inhaltsgestaltung berücksichtigt.

3 Theoretische Grundlagen

Influencer Illness ist kein klinisch-diagnostischer Begriff, sondern ein deskriptives Konzept zur Strukturierung negativer psychosozialer Begleiterscheinungen intensiver Influencer-Rezeption. Es integriert mehrere etablierte theoretische Ansätze, die unterschiedliche Facetten des Phänomens erklären:

  1. Social Comparison Theory (Festinger, 1954): Influencer-Inhalte präsentieren durch gezielte Selbstinszenierung Vergleichsmaßstäbe, die aufgrund ihrer Hervorgehobenheit verstärkt wahrgenommen werden und häufig unrealistisch sind.
  2. Parasocial Interaction Theory (Horton & Wohl, 1956): Einseitige Medienbeziehungen können als emotionale Nähe erlebt werden, ohne reziproke Interaktion.
  3. Online Disinhibition Effect (Suler, 2004): Digitale Kommunikationsbedingungen begünstigen sowohl erhöhte Selbstoffenbarung von Influencern als auch eine reduzierte kritische Distanz auf Seiten der Rezipient:innen.
  4. Influencer als Identifikationsfiguren: Tukachinsky (2010) weist darauf hin, dass Influencer insbesondere für Personen in entwicklungspsychologisch sensiblen Lebensphasen als Identifikationsfiguren fungieren können. Zugleich warnt er davor, dass eine übermäßige Intensität parasozialer Beziehungen mit potenziell negativen Folgen wie gefühlsgeleitete Abhängigkeit und einer Verzerrung des Selbstbildes einhergehen kann.
  5. Fear of Missing Out (FOMO): Przybylski et al. beschreiben FOMO als die anhaltende Angst, bedeutsame Erfahrungen zu verpassen, insbesondere solche, die durch Influencer vermittelt werden: „FOMO ist definiert als die allgegenwärtige Sorge, dass andere lohnende Erfahrungen machen, von denen man selbst abwesend ist“ (Przybylski et al., 2013, S. 1841).

Ergänzend weisen empirische Studien darauf hin, dass intensive Social-Media-Nutzung mit geringerer Selbstkonzeptklarheit und erhöhten Identitätsunsicherheiten assoziiert ist, insbesondere im Jugend- und jungen Erwachsenenalter (Appel et al., 2018; Keles et al., 2020).

Zusammengenommen legen diese Ansätze nahe, dass Influencer Illness als Ergebnis eines Zusammenspiels individueller Dispositionen, sozialer Vergleichsdynamiken und algorithmisch verstärkter Medienumgebungen verstanden werden kann.

4 Anwendungsbeispiele

Die folgenden Beispiele dienen der illustrativen Veranschaulichung typischer Belastungskonstellationen im Sinne des Konzepts der Influencer Illness und stellen keine klinischen Fallbeschreibungen dar.

Körperbild und Selbstwertprobleme. Eine prototypische Konstellation betrifft junge Nutzerinnen, die regelmäßig Fitness- und Lifestyle-Influencerinnen folgen und sich wiederholt mit idealisierten Körperdarstellungen vergleichen. Eine solche Nutzungspraxis kann mit erhöhter Körperunzufriedenheit, restriktiven Essverhaltensmustern und sozialem Rückzug einhergehen. Empirische Befunde stützen diese Annahme: Längsschnitt- und experimentelle Studien zeigen, dass eine häufige Exposition gegenüber Fitness- und Schönheits-Influencer-Inhalten auf Instagram bei jungen Frauen mit erhöhter Körperunzufriedenheit und diätbezogenen Symptomen assoziiert ist (Bocci Benucci et al., 2024).

Riskantes Investment und Verschuldung. Ein Berufseinsteiger folgt auf YouTube und X mehreren Finanz-Influencern, die versprechen, mit Kryptowährungen und kurzfristigem Trading schnell reich zu werden. Er übernimmt Anlageentscheidungen ohne Fachwissen, investiert große Teile seines Ersparten, reagiert emotional auf jeden Post der Influencer, erleidet schließlich erhebliche finanzielle Verluste und Stresssymptome. Die wiederholte Konfrontation mit idealisierten Lebensentwürfen fördert aufwärtsgerichtete Vergleiche, die häufig zu Unzufriedenheit und Neid führen (Verduyn et al., 2020).


5 Kritische Perspektiven

Kritisch ist anzumerken, dass Influencer Illness ein neuartiges, bislang nicht umfassend empirisch validiertes deskriptives Konzept darstellt. Die Abgrenzung zu etablierten Konstrukten wie Problematic Social Media Use oder Social Media Fatigue ist Gegenstand laufender Forschung.

Der Begriff „Krankheit“ wird dabei bewusst im übertragenen Sinn verwendet und verweist nicht auf ein klinisch-psychiatrisches Störungsbild, sondern auf eine psychosoziale Dysbalance im Verhältnis zwischen Individuum und influencerzentrierter Medienumgebung.

Tabelle 1 dient der konzeptuellen Abgrenzung und verdeutlicht, dass sich Influencer Illness primär durch eine relationale, personenbezogene Bindung unterscheidet, während andere Formen problematischer Mediennutzung stärker plattform- oder verhaltenszentriert sind.

Tab. 1 Vergleichstabelle Influencer-Krankheit


Dimension

Influencer Illness   (deskriptives Konzept)

Problematische Social Media-Nutzung

Internetbezogene Abhängigkeitsmuster

Bezugsfokus

Relationale Bindung an spezifische Influencer

Plattformbezogene Nutzungsintensität

Internet- oder anwendungs-übergreifende Nutzung

Zentraler Mechanismus

Parasoziale Überidenti-fikation & sozialer Vergleich

Verstärkende Nutzungs-routinen & Kontrollverlust

Kompensatorische Nutzung & Emotionsregulation

Typische Belastung

Selbstwertbeeinträchtigung, Vergleichsdruck

Zeitverlust, Funktions-beeinträchtigung

Entzug, Toleranzentwicklung

Diagnostischer Status

Kein klinisches Störungsbild

Kein eigenständiges Störungsbild

Klinisch diskutiertes Störungsfeld

(Quelle: Eigene Darstellung)

Zudem ist die Kausalrichtung oft schwer nachweisbar: Führt der Konsum von Influencer-Inhalten zu psychischen Problemen oder neigen bereits belastete Personen eher zu intensiver Nutzung? Methodisch erschwerend kommt hinzu, dass Selbstauskünfte über psychisches Erleben anfällig für Verzerrungen sind.


6 Prüfbarkeit und theoretische Propositionen

Das Konzept der Influencer-Illness ist als deskriptiv-theoretischer Ordnungsrahmen konzipiert, der ein bislang unzureichend differenziertes Belastungsphänomen im Kontext personalisierter Social-Media-Kommunikation systematisiert. Es erhebt keinen Anspruch auf klinische Diagnostik, sondern zielt auf die strukturierte Erfassung psychosozialer Risiken intensiver Influencer-Rezeption.

Seine wissenschaftliche Anschlussfähigkeit ergibt sich aus der Möglichkeit, zentrale Annahmen in prüfbare theoretische Propositionen zu überführen. Diese Propositionen dienen der Ableitung empirischer Forschungsfragen und Hypothesen, ohne kausale Wirkungen vorab festzuschreiben.

P1 (Expositionsintensität):
Eine hohe und wiederholte Kontaktintensität mit Influencer-Inhalten ist mit einem erhöhten Risiko für Selbstwertprobleme, soziale Vergleichsprozesse und subjektives Belastungserleben assoziiert, insbesondere bei jungen Nutzergruppen.

P2 (Parasoziale Bindung):
Der Grad parasozialer Beziehung zu Influencer-Personas moderiert die Wirkung von Influencer-Inhalten auf emotionale Abhängigkeit, Konsumverhalten und Identitätsorientierung.

P3 (Algorithmische Verstärkung):
Algorithmisch gesteuerte Inhaltsselektion verstärkt bestehende parasoziale Bindungen und reduziert die wahrgenommene Vielfalt medialer Bezugspersonen, was die Entwicklung influencerbezogener Abhängigkeitsmuster begünstigt.

P4 (Individuelle Anfälligkeit):
Persönliche Dispositionen wie geringe Selbstkonzeptklarheit, erhöhte soziale Vergleichsorientierung oder eingeschränkte Medienkompetenz erhöhen die Anfälligkeit für Influencer-Illness-typische Belastungsformen.

P5 (Abgrenzung zu problematischer Mediennutzung):
Influencer-Illness unterscheidet sich von allgemeiner problematischer Social-Media-Nutzung dadurch, dass nicht die Plattformnutzung an sich, sondern die relationale Bindung an spezifische Medienakteure im Zentrum steht.

Diese Propositionen lassen sich mit etablierten Methoden der Medien- und Gesundheitspsychologie empirisch untersuchen, etwa durch Längsschnittbefragungen, Experience-Sampling-Designs, experimentelle Expositionsstudien oder die Kombination von Nutzungsdaten mit psychologischen Skalen (z. B. zu Selbstwert, Vergleichsorientierung oder parasozialer Interaktion).

7 Weiterentwicklungen

Künftige Weiterentwicklungen des Konzepts sollten insbesondere auf die Entwicklung und Validierung standardisierter Erhebungsinstrumente abzielen, um influencerbezogene Belastungsmuster zuverlässig zu erfassen.

Darüber hinaus erscheinen längsschnittliche Designs und Experience-Sampling-Ansätze geeignet, dynamische Wechselwirkungen zwischen Influencer-Rezeption, parasozialer Bindung und psychosozialem Wohlbefinden differenzierter abzubilden.

Auf praktischer Ebene bieten präventive Maßnahmen wie die Förderung kritischer Medienkompetenz, algorithmische Diversifizierung von Inhalten sowie zeitlich begrenzte Nutzungspausen potenzielle Ansatzpunkte zur Reduktion influencerbezogener Belastungen.


8 Fazit

Influencer Illness ist keine offizielle Diagnose im Sinne klassifikatorischer Systeme wie ICD-11 (International Classification of Diseases, 11th Revision, herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation) oder DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5th Edition, herausgegeben von der American Psychiatric Association), weist jedoch Überschneidungen mit belastungs- und abhängigkeitsähnlichen Mustern digitaler Mediennutzung auf. Der Krankheitsbegriff ist daher soziokulturell und als orientierende Denk- und Analysehilfe zu verstehen.

Für die Medienpsychologie stellt das Konzept einen strukturierten Bezugsrahmen dar, um psychosoziale Risiken intensiver Influencer-Rezeption systematisch zu analysieren. Es eröffnet ein relevantes Forschungsfeld, das sowohl theoretische Präzisierung als auch empirische Validierung erfordert.

Eine zentrale Herausforderung besteht darin, zwischen funktionaler Inspiration und dysfunktionaler Überidentifikation zu differenzieren und daraus evidenzbasierte Präventionsansätze abzuleiten.


Literaturverzeichnis
Appel, M., Schreiner, C., Weber, S., Mara, M., & Gnambs, T. (2018). Intensity of Facebook use is associated with lower self-concept clarity: Cross-sectional and longitudinal evidence. Journal of Media Psychology: Theories, Methods, and Applications, 30(3), 160–172. https://doi.org/10.1027/1864-1105/a000192

Bocci Benucci, S.; Fioravanti, G.; Silvestro, V.; Spinelli, M.C.; Brogioni, G.; Casalini, A.; Allegrini, L.; Altomare, A.I.; Castellini, G.; Ricca, V.; & Rotella, F. (2024). The impact of following Instagram influencers on women’s body dissatisfaction and eating disorder symptoms. Nutrients 2024, 16(16), 2730. https://doi.org/10.3390/nu16162730

Casaló, L. V., Flavián, C., & Ibáñez-Sánchez, S. (2020). Influencers on Instagram: Antecedents and consequences of opinion leadership. Journal of Business Research, 117, 510–519. https://doi.org/10.1016/j.jbusres.2018.07.005

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Przybylski, A. K., Murayama, K., DeHaan, C. R., & Gladwell, V. (2013). Motivational, emotional, and behavioral correlates of fear of missing out. Computers in Human Behavior, 29(4), 1841–1848. https://doi.org/10.1016/j.chb.2013.02.014

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