Hate Speech

Interview Tageszeitung „Südfinder“ (Auflage: 454.200) mit Prof. Dr. Alfred-Joachim Hermanni am 05.05.2021 zum Thema „Debattenkultur in den sozialen Medien“.

Südfinder: Wie empfinden Sie die Debattenkultur derzeit in Deutschland? Durch was kennzeichnet sie sich aus? In letzter Zeit liest man ja immer wieder in den Medien, dass Hassnachrichten und Anfeindungen zunehmen.

Hermanni: Alle Formen der Einschüchterung, Diffamierung und Bedrohung anderer Personen sollten in einer Demokratie keinen Platz finden. Eine Demokratie lebt von einem offenen, transparenten und zugleich wertschätzenden Informations- und Meinungsaustausch.

In Kommunikationsräumen eines global vernetzten Systems wie das Internet können Menschen die Anonymität wahren und ihre Person verstecken. Dieses Nichtbekanntsein ermutigt viele User, sogenannte Hate Speechs (Hasskomentare) zu verfassen und Shitstorms zu organisieren. Hinzu kommt, dass sich zahlreiche Kampagnen hinter gefälschten Accounts verbergen.

Tendenziell scheint die Wahrnehmung von HateSpeech im Internet in den letzten Jahren gestiegen zu sein. Das Markt- und Meinungsforschungsinstitut FORSA hat im Zeitraum 2016 bis 2020 festgestellt, dass fast drei Viertel der befragten Internetnutzerinnen und -nutzer schon Hate Speech gesehen hat, etwas mehr als jede/r Dritte sogar schon häufig.

Südfinder: Hat sich die Debattenkultur seit Beginn der Pandemie verändert? Wenn ja, inwiefern und welche Rolle kommt dabei den sozialen Netzwerken zuteil? 

Hermanni: Im Jahr 2020 stieg die Anzahl der Internetnutzer in Deutschland im Gegensatz zum Vorjahr um 3,5 Millionen. Insofern nutzten 51 Millionen Menschen in Deutschland täglich das Internet in unterschiedlicher Form. Dieser Anstieg ist sicherlich aber auch auf die Homeoffice-Situation während der Corona-Pandemie zurückzuführen.

Eine Studie der Universität Leipzig zeigt, dass in den letzten fünf Jahren die Kommentare deutlich aggressiver geworden sind. Das hat Auswirkungen auf die Meinungsfreiheit im Internet. Aus Angst vor Hate Speech formulieren Bürgerinnen und Bürger eigene Beiträge innerhalb der sozialen Netzwerke vorsichtiger oder verzichten aufs Posten.

Südfinder: Auf Facebook und Co. wird zur Zeit besonders deutlich, wie gespalten die Bevölkerung bezüglich der Coronapolitik ist. Auf erhöhte Todeszahlen wird zum Teil mit Lachsmileys reagiert; die Meinungen zur Aktion “#allesdichtmachen” gehen extrem auseinander und erst kürzlich wurden in Biberach Botschaften wie “Merkel hinrichten” und “Biberach steht für Diktatur” an Wände geschmiert, woraufhin diese Aktionen auch Zustimmung in den sozialen Medien erfuhren. Ist hier überhaupt ein offener, zielführender Diskurs möglich? Können Sie Tipps geben, wie das funktionieren soll? 

Hermanni: Inwiefern die User des Internets hinsichtlich der Coronapolitik von Bund und Ländern wirklich gespalten sind, wird gegenwärtig nicht in Zahlen belegt. In diesem Kontext erscheinen mir zwei Erklärungsansätze von hoher Relevanz: Erstens zeigen Datenanalysen, dass hinter den meisten Hass-Kommentaren im Netz nur eine verschwindend kleine Minderheit der Nutzer stecken. Zu diesem Ergebnis kam beispielsweise das Institute for Strategic Dialogue in London, nachdem es 3000 Meldungen und 18.000 Kommentare auf der deutschsprachigen Facebook-Plattform ausgewertet hatte. Zweitens existieren Gruppen in Deutschland wie auch in anderen Ländern, die schlicht Spaß an Krawall und Gewalt haben und vehement ihre Parolen im Internet verbreiten.

Als Bürgerinnen oder Bürger sollten wir nicht den Kopf in den Sand stecken, wenn uns radikale Gruppen oder Einzelpersonen vorschreiben wollen, was wir denken sollen und wie wir uns zu verhalten haben. In sachlichem Ton, mit gesundem Menschenverstand und basierend auf reale Fakten sollten wir uns der öffentlichen Diskussion zur Corona-Politik stellen, auf Fragen und Meinungen Andersdenkender argumentativ eingehen und unser eigenes Netz bitten, die Postings zu teilen. Je stiller Demokraten werden, desto stärker können sich Verschwörungstheorien und Fake News ausbreiten.

Südfinder: Manchmal habe ich das Gefühl, dass wenn ich im Internet einen besonders ekelhaften und meiner Meinung nach ungerechtfertigten Kommentar sehe und nicht darauf reagiere, es das Äquivalent zum “realen” Leben ist, wenn ich zum Beispiel etwas Unrechtes sehe und nicht einschreite. Wie sehen Sie das? 

Hermanni: Wenn Unrecht geschieht, sollten wir gesellschaftliche Mitverantwortung tragen und diese zu einem festen Bestandteil des eigenen verantwortungsvollen Handelns machen.

Das Reagieren innerhalb und außerhalb der sozialen Medien fällt in dem einen oder anderen Fall sicherlich nicht leicht, aber es ist wichtig für das menschliche Miteinander, beispielsweise um Minderheiten zu schützen und die Würde anderer Menschen zu wahren.

Die Freiheit als einer der Grundwerte der Demokratie öffnet jedem Einzelnen die Möglichkeit, sich innerhalb der Gesellschaft engagieren zu können und Impulse zu setzen.

An der SRH Fernhochschule motivieren wir die Studierenden, mehr Demokratie zu wagen, wie es der frühere Bundeskanzler Willy Brandt 1969 in seiner Regierungserklärung formulierte, und sich beispielsweise am Diskurs im Internet zu beteiligen.

Südfinder: Wie kann ich selber achtsamer werden, wenn es um Debatten über kritische Themen wie eben der Coronapolitik geht? Worauf muss ich achtgeben? Was sind absolute No-Gos und wie kann ich lernen, es besser zu machen? 

Hermanni: Sie stellen hier eine schwierige Frage, weil Bund und Länder über einen langen Zeitraum zahlreiche, gravierende Fehler begangen haben. Häufig genug hat die Politik erst einmal abgewartet statt zu handeln, und wenn Beschlüsse gefasst wurden, waren diese oft nicht nachvollziehbar. Ich werde diesen Nonsens gerne einmal an einem Beispiel verdeutlichen: Wem nutzte die Maskenpflicht in den Fußgängerzonen, wenn Raucher, Street Food-Esser und To go-Getränkekonsumenten davon befreit waren? 

Für das „Besser machen“ bei Debatten gibt es kein Patentrezept. Aber Sie können sich auf den Sachverhalt gut vorbereiten, Argumente sammeln und möglichst emotionsfrei vortragen, Ihren eigenen Standpunkt erläutern, aktiv Zuhören, auf den Gesprächspartner eingehen und Eskalationen vermeiden.     

Südfinder: Wie können sich User vor Hass und Anfeindungen im Netz schützen? 

Hermanni: Besonders kritisch zu betrachten ist, dass Teile der sozialen Plattformen polarisierende Debatten favorisieren und den Algorithmus ihres Netzwerks entsprechend programmieren. Sie versprechen sich von deutlich hervortretenden, auch extremen Positionen eine höhere Reichweite und Aufmerksamkeit als bei sachlichen Diskussionen. Andererseits werden aber auch von den Betreibern der sozialen Netzwerke Millionen Inhalte der Kategorie „Hate Speech“ von den Plattformen entfernt, falls diese wahrgenommen werden. 

Von Hass und Anfeindungen im Netz betroffene Personen können sich gegen Hassbotschaften im Internet wehren und Anzeige erstatten. Denn alles was in der realen Welt strafbar ist, ist auch online verboten. In den Bundesländern wurden bei den Staatsanwaltschaften Sonderdezernate für die Bekämpfung von Hate-Speech eingerichtet. Ihre Aufgabe ist der Kampf gegen Hass und Hetze im Netz.