Psychologische Kriegsführung und mediale Einflussoperationen.
Prof. Dr. Alfred-Joachim Hermanni
2025
1. Einführung
Psychologische Kriegsführung (Psychological Warfare, PSYWAR) umfasst den gezielten Einsatz psychologischer Mittel, um Wahrnehmung, Motivation und Entscheidungsfähigkeit gegnerischer, neutraler oder eigener Bevölkerungsgruppen zu beeinflussen. PSYOPS bezeichnet militärische psychologische Operationen; dieses Kapitel verwendet primär den umfassenderen Begriff psychologische Kriegsführung.
Moderne Einflussoperationen erweitern diese Praktiken auf digitale Kommunikationsräume, in denen sich Informationsströme mit hoher Geschwindigkeit ausbreiten und Deutungen in Echtzeit konkurrieren. Insofern verlagern sich zentrale strategische Aushandlungsprozesse zunehmend auch in den Informationsraum (vgl. Pomerantsev, 2019), in dem Deutungshoheit, Resonanz und Vertrauenswürdigkeit zu entscheidenden Ressourcen werden.
Bereits im Ersten Weltkrieg (1914–1918) spielte die Mobilisierung der Massen eine zentrale Rolle und markierte den Beginn einer systematischen Nutzung moderner Kommunikationsmittel zur Beeinflussung großer Bevölkerungsgruppen (Rid, 2020). Während diese frühen Maßnahmen vergleichsweise rudimentär waren, entwickelte sich die psychologische Kriegsführung im Zweiten Weltkrieg und im Vietnamkrieg deutlich weiter – etwa durch den Einsatz von Flugblättern, Radiopropaganda und Lautsprecherdurchsagen.
Heute reicht das Spektrum bis hin zu KI-generierten Deepfakes, Social Bots und datengetriebenen Desinformationskampagnen im Kontext aktueller militärischer Konflikte. Diese Entwicklung verdeutlicht die fortschreitende Medialisierung militärischer Auseinandersetzungen und die wachsende Bedeutung medienpsychologischer Mechanismen für strategische Kommunikation.
2. Definition und Zielsetzung
Wie beeinflussen staatlich organisierte psychologische und mediale Einflussoperationen Wahrnehmung, Emotionen und Urteilsprozesse von Bevölkerungsgruppen in militärischen und sicherheitspolitischen Konflikten?
Psychologische Kriegsführung bezeichnet systematische Kommunikationsmaßnahmen staatlicher Akteure, die Einstellungen, Emotionen und Handlungsbereitschaften definierter Zielgruppen gezielt beeinflussen.
Typische Zielsetzungen sind:
- Schwächung gegnerischer Moral und Entscheidungsfähigkeit
- Steuerung öffentlicher Meinung im nationalen und internationalen Raum
- Stärkung des eigenen Gruppenzusammenhalts und Legitimation militärischen Handelns
- Diskreditierung gegnerischer Führungspersonen oder politischer Institutionen
Angesichts der aufgezeigten Manipulations- und Desinformationspotenziale kommt psychologischer Kriegsführung aus analytischer Perspektive eine hohe sicherheits- und gesellschaftsrelevante Bedeutung zu (Hermanni, 2023). Mediale Einflussoperationen fokussieren dabei insbesondere die strategische Nutzung unterschiedlicher Medienkanäle – von klassischen Massenmedien bis zu sozialen Plattformen und KI-basierten Kommunikationsformen – zur Erzeugung von Aufmerksamkeit, emotionaler Mobilisierung und Kontrolle von Informationsräumen.
Aus medienpsychologischer Perspektive handelt es sich dabei um gezielte Eingriffe in Wahrnehmungs-, Emotions- und Urteilsprozesse, deren gesellschaftliche Tragweite über kurzfristige Meinungsänderungen hinausgeht und langfristige Effekte auf Vertrauen, Identitätsbildung und demokratische Öffentlichkeit entfalten kann.
3. Theoretische Grundlagen
3.1 Agenda Setting und Framing
Medien beeinflussen, welche Themen als gesellschaftlich relevant gelten (McCombs & Shaw, 1972). In militärischen Konflikten dienen selektiv platzierte Informationen dazu, Ereignisse zu bewerten, Erfolge hervorzuheben oder moralische Narrative zu etablieren. Framing strukturiert dabei die Interpretation von Geschehnissen, etwa durch nationale, moralische oder emotionale Rahmungen. Empirische Studien zeigen, dass Agenda-Setting-Effekte in Konfliktsituationen besonders ausgeprägt sind, da Rezipient:innen verstärkt auf mediale Orientierung angewiesen sind. Framing-Prozesse präfigurieren unter diesen Bedingungen grundlegende Kategorien wie Schuld, Verantwortung und Legitimität.
3.2 Emotionale Mobilisierung
Emotionen wie Angst, Wut, Stolz oder Hoffnung wirken als Verstärker strategischer Botschaften. Durch gezielte emotionale Reize können Opferbereitschaft, Loyalität oder Verunsicherung erzeugt werden.
Digitale Echtzeitkommunikation verstärkt diese Effekte, da emotionale Inhalte schneller verbreitet und stärker automatisiert verarbeitet werden. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit affektgeleiteter Reaktionen, selbst bei unvollständiger oder manipulierter Informationslage.
3.3 Kognitive Vereinfachung und Wiederholungseffekte
In komplexen Informationslagen greifen Menschen verstärkt auf vereinfachende Entscheidungsprozesse zurück. Wiederholt verbreitete Inhalte werden im Sinne des „Illusory Truth Effect“ häufiger als glaubwürdig wahrgenommen, unabhängig von ihrem faktischen Wahrheitsgehalt. Gruppennormen, Autoritätszuschreibungen und soziale Bestätigung verstärken diese Effekte zusätzlich.
Gerade in Krisen- und Kriegssituationen dienen solche Vereinfachungsmechanismen der Reduktion kognitiver Überlastung, erhöhen jedoch zugleich die Anfälligkeit für strategisch manipulierte Inhalte.
3.4 Propaganda und Desinformation
Propaganda zielt darauf ab, Einstellungen im Sinne eines Akteurs systematisch zu formen. Ihre Wirkung entfaltet sie dabei, so Stanley (2015), weniger durch Falschinformationen als durch die gezielte Gestaltung sozialer und politischer Deutungsrahmen. Desinformation ergänzt diese Strategie durch bewusst falsche oder irreführende Inhalte, die Verwirrung stiften oder gegnerische Informationsprozesse destabilisieren sollen.
In digitalen Umgebungen wirken Propaganda sowie Desinformation (Benkler, Faris & Roberts, 2018) und zunehmend hybrid, da staatliche Akteure Inhalte mit zivilgesellschaftlichen, kommerziellen oder automatisierten Quellen verknüpfen, um Authentizität zu simulieren.
3.5 Feindbilder und soziale Identität
Feindbilder dienen der Abgrenzung und emotionalen Mobilisierung. Negative Zuschreibungen gegenüber Fremdgruppen stärken die Eigengruppenidentifikation und legitimieren aggressive Handlungen. Sozialpsychologische Studien (Tajfel et al., 1971; Otten et al., 1996) belegen diese Mechanismen empirisch.
3.6 Historische staatliche Propagandastrukturen in autoritären Regimen
Autoritäre Regime nutzen Informationskontrolle systematisch als Machtinstrument. Historische Beispiele reichen vom Reichspropagandaministerium im Nationalsozialismus über Agitprop-Strukturen in der Sowjetunion bis hin zu heutigen zentralisierten Propagandadepartementen in autoritären Staaten. Gemeinsam ist diesen Systemen das Ziel, Deutungshoheit herzustellen und alternative Narrative zu unterdrücken.
Während des Nationalsozialismus übernahm das Reichspropagandaministerium (Deutschland) die umfassende Kontrolle über Medien, Kultur und öffentliche Kommunikation. Ein vergleichbares Pendant bildete im faschistischen Italien das Ministero della Cultura Popolare („Minculpop“), das ideologische Inhalte verbreitete und oppositionelle Stimmen unterdrückte.
In der Deutschen Demokratischen Republik erfolgte staatliche Medienlenkung über das Zentralkomitee der SED, insbesondere durch die Abteilung Agitation sowie über staatlich kontrollierte Medieninstitutionen. Die Sowjetunion verfügte mit der Agitations- und Propagandaabteilung des Zentralkomitees („Agitprop“) über eine zentrale Institution, die Medien, Bildung und Kultur systematisch im Sinne der Parteiideologie ausrichtete.
In der Volksrepublik China erfüllt heute insbesondere das Zentrale Propagandadepartement der Kommunistischen Partei eine vergleichbare Funktion der ideologischen Steuerung. In Nordkorea übernimmt das Propaganda and Agitation Department (PAD) die Aufgabe, politische Loyalität und staatliche Narrative dauerhaft zu sichern.
Diese Beispiele machen deutlich, dass autoritäre Systeme in allen historischen Epochen Informationskontrolle als zentrales Machtinstrument einsetzen. Dadurch wird Propaganda zu einem zentralen Instrument autoritärer Herrschaftssicherung im 20. und 21. Jahrhundert.
4. Anwendungsbeispiele
Psychologische Kriegsführung ist ein staatlich organisiertes Instrument zur gezielten Beeinflussung von Wahrnehmung, Emotionen und Verhalten in bewaffneten Konflikten (Ministry of Defense, 2015). Die folgenden Beispiele illustrieren, wie Staaten in unterschiedlichen historischen Epochen mediale und psychologische Mittel strategisch einsetzen.
Nicht-staatliche Akteure nutzen zwar ebenfalls propagandistische Kommunikationsformen, erfüllen jedoch in der Regel nicht die strukturellen und organisatorischen Voraussetzungen staatlicher PSYOPS und unterscheiden sich damit grundlegend von staatlich gesteuerten Einflussoperationen. Ihre Kommunikationsstrategien sind asymmetrisch, propagandistisch oder terroristisch und unterscheiden sich damit grundlegend von staatlich gesteuerten Einflussoperationen.
4.1 Zweiter Weltkrieg (1939–1945)
Während des Zweiten Weltkriegs setzten die Kriegsparteien psychologische Kriegsführung insbesondere darauf an, die Meinung der gegnerischen Bevölkerung und Streitkräfte zu manipulieren. „Voice of America“ richtete sich mit gezielten Radioprogrammen an deutsche Soldaten und Bevölkerung. Ziel war es, die Wirkung der NS-Propaganda zu brechen und Vertrauen in die eigene Führung zu untergraben.
Die Sowjetarmee warf Flugblätter mit antifaschistischer Propaganda über den deutschen Linien ab. Deutsche Propagandasendungen, die über Printmedien, Rundfunk, Film und Plakate verbreitet wurden, sollten britische Truppen verunsichern. Flugblätter dienten beispielsweise dazu, Zweifel, Furcht oder Kapitulationsbereitschaft bei den feindlichen Truppen zu erzeugen.
Mechanismus: Verunsicherung durch widersprüchliche Informationsangebote und emotional aufgeladene Narrativbildung.
4.2 Vietnamkrieg (1955–1975)
Im Vietnamkrieg kombinierten US-Truppen Lautsprecherdurchsagen aus Hubschraubern, Flugblätter und Radiosendungen. Mitunter wurden kulturell aufgeladene Tondokumente („Ghost Tape Number 10“) eingesetzt, um psychologische Effekte auf Soldaten des Vietcong auszulösen.
Die Wirkung psychologischer Operationen wurde durch kulturell zielgenau gestaltete Inhalte verstärkt, etwa durch den Einsatz spirituell codierter Audiodateien. Gleichzeitig markierte der Vietnamkrieg den Übergang zu einer stärker medienvermittelten Wahrnehmung militärischer Konflikte, die die öffentliche Meinung weltweit beeinflusste.
Mechanismus: Nutzung kultureller Symbole und Angstthemen zur Demoralisierung.
4.3 Golfkrieg (1990 - 1991)
Der Golfkrieg war der erste global medial übertragene Konflikt. Echtzeitbilder (u.a. durch CNN) präziser Luftschläge erzeugten ein Gefühl technologischer Überlegenheit. Flugblätter, psychologische Radiokampagnen und die weltweite Live-Berichterstattung verstärkten die Wahrnehmung militärischer Dominanz der Koalitionstruppen.
Der durchgängige 24-Stunden-Nachrichtenfluss verstärkte die Wirkung strategisch ausgewählter Bilder, die militärische Präzision und technologische Überlegenheit demonstrierten. Zugleich etablierte sich eine neue Form globaler Echtzeitkommunikation mit erhöhtem öffentlichem Erwartungsdruck auf politische Entscheidungsträger.
Mechanismus: Emotionalisierung durch visuelle Echtzeitkommunikation.
4.4 Kosovo-Konflikt (1998 - 1999)
Im Kosovo-Konflikt nutzten Konfliktparteien internationale Medien gezielt zur Legitimation militärischer Maßnahmen und zur Rahmung des Einsatzes als humanitäre Intervention. Die internationale Öffentlichkeit wurde zu einem zentralen Adressaten psychologischer Kriegsführung. Der Kosovo-Konflikt gilt als frühes Beispiel für die gezielte Nutzung internationaler Medien zur normativen Rahmung militärischer Eingriffe als humanitäre Notwendigkeit. Dadurch rückte die legitimatorische Kraft medialer Narrative stärker in den Mittelpunkt sicherheitspolitischer Kommunikation.
Mechanismus: Nutzung globaler Medienöffentlichkeit zur Herstellung politischer Legitimität.
4.5 Krieg in der Ukraine (seit 2022; 2020 Einverleibung der Krim)
Der Ukrainekrieg gilt als paradigmatisches Beispiel hybrider Kriegsführung, in dem militärische Operationen und Informationsoperationen eng ineinandergreifen (Aday et al., 2019). Social Media, Messaging-Dienste, digitale Plattformen und klassische Medien bilden einen hochgradig vernetzten Informationsraum (Singer & Brooking, 2018), in dem Deutungen, Emotionen und Legitimitätszuschreibungen kontinuierlich ausgehandelt werden.
Psychologische Kriegsführung beeinflusst maßgeblich, wie Politik und Öffentlichkeit Lageeinschätzungen, Verantwortlichkeiten und Handlungsoptionen bewerten. Im russisch-ukrainischen Krieg spielen psychologische Einflussstrategien auf beiden Seiten eine zentrale Rolle. Öffentliche Auftritte politischer Führungspersonen, mediale Inszenierungen und internationale Kommunikationsstrategien zielen darauf ab, Deutungshoheit, Legitimität und emotionale Unterstützung im nationalen wie internationalen Publikum zu sichern (Hermanni, 2023).
4.6 Historische Entwicklung psychologischer Kriegsführung
Der folgende Zeitstrahl (Abb. 1) zeigt die historische Entwicklung psychologischer Kriegsführung und medialer Einflussoperationen von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.
Abb. 1 Zeitstrahl: Entwicklung psychologischer Kriegsführung und medialer Einflussoperationen
(Quelle: Hermanni, 2025)
5. Das PW–MIO-Modell psychologischer Kriegsführung
5.1 Definition und Modellstruktur
Das PW–MIO-Modell (Psychological Warfare – Media-based Influence Operations) von Hermanni beschreibt die strukturellen, medialen und psychologischen Voraussetzungen staatlicher Einflussoperationen. Es integriert klassische PSYWAR-/PSYOPS-Konzepte mit den Bedingungen digitaler Kommunikationsräume.
5.2 Modellstruktur und Zweck des Modells
Das PW–MIO-Modell (Tab. 1) dient der systematischen Einordnung historischer und aktueller Einflussoperationen, der vergleichenden Analyse staatlicher Strategien sowie der theoretischen Strukturierung eines komplexen Forschungsfeldes. Es strukturiert historische Beispiele, unterstützt die Analyse moderner digitaler Propaganda und schafft eine Grundlage für empirische Forschung sowie ethische und politische Bewertung. Insofern versteht es sich ausdrücklich als heuristischer Analyse- und Ordnungsrahmen, nicht als kausales Wirkungsmodell.
Die Wirksamkeit psychologischer Kriegsführung entsteht nicht linear entlang einzelner Modell-Ebenen, sondern aus der Interdependenz struktureller Voraussetzungen (Ebene A), medial-technischer Distributionsbedingungen (Ebene B) und psychologischer Zielgruppenfaktoren (Ebene C). Erst das Zusammenwirken dieser Ebenen erzeugt nachhaltige Einflussdynamiken.
Tab. 1 PW–MIO-Modell
Modell-Ebene | Strukturelle Elemente | Beispielhafte Aspekte |
Ebene A – Staatliche Voraussetzungen | Politische Zielsetzung, militärische Doktrin, organisatorische Strukturen, Ressourcen, Narrative | Kriegsziele, PSYOPS-Einheiten, Datenkapazitäten, Feindbildkonstruktionen |
Ebene B – Medien- und Technikvoraussetzungen | Plattformarchitektur, Medienkanäle, Desinformationskapazitäten, Vermittlerfiguren | Social Media, TV, Bots, Deepfakes, staatliche Sprecher |
Ebene C – Zielgruppenbedingungen | Informationsverletzlichkeit, Emotionale Aktivierbarkeit, Soziale Fragmentierung, Medienkompetenz | Unsicherheit, Angst, Polarisierung, verringerte Quellenkritik |
Ebene D – Nicht-staatliche Einflussakteure | Fehlende staatliche Struktur, asymmetrische Kommunikationsstrategien | Terrorpropaganda, Mobilisierung, Einschüchterung |
(Quelle: Hermanni, 2025)
Erläuterung der Ebenen
Das PW–MIO-Modell beschreibt, unter welchen strukturellen, medialen und psychologischen Voraussetzungen Einflussoperationen wahrscheinlicher wirksam werden.
Ebene A – Staatliche Voraussetzungen
Hierzu zählen strategische Ziele, militärische Doktrin, institutionelle PSYOPS-Strukturen sowie technische und finanzielle Ressourcen. Staaten verfügen über die organisatorischen Kapazitäten, um psychologische Kriegsführung langfristig, professionell und strategisch zu planen und durchzuführen. Offizielle Leitnarrative – etwa Feindbilder oder moralische Rahmungen – bilden die kommunikative Grundlage.
Ebene B – Medien- und Technikvoraussetzungen
Staaten operieren über verschiedene Medienkanäle (z. B. Fernsehen, Rundfunk, Social Media) und nutzen technologische Möglichkeiten wie Bots, algorithmisch verstärkte Sichtbarkeit oder KI-basierte Desinformation. Die Wahl der Kanäle folgt strategischen Überlegungen zur Reichweite, Glaubwürdigkeit und Zielgruppenerreichbarkeit.
Ebene C – Zielgruppenbedingungen
Psychologische Kriegsführung wirkt insbesondere unter Bedingungen hoher Unsicherheit, emotionaler Anspannung und sozialer Fragmentierung. Niedrige Medien- und Quellenkompetenz erhöht die Anfälligkeit für emotionale oder manipulierte Inhalte. Die Wirkung digitaler Einflussoperationen steigt, wenn Zielgruppen überlastet, bedroht oder gesellschaftlich polarisiert sind.
Ebene D – Nicht-staatliche Einflussakteure
Nicht-staatliche Gruppen – etwa Terrororganisationen oder Milizen – bedienen sich ebenfalls propagandistischer oder manipulativer Kommunikationsformen. Ihnen fehlen jedoch die institutionellen, organisatorischen und technischen Voraussetzungen staatlicher PSYOPS. Ihre Strategien sind daher asymmetrisch, kurzfristig und oft primär auf Mobilisierung oder Einschüchterung ausgelegt und erfüllen nicht die Kriterien klassischer psychologischer Kriegsführung.
5.6 Kritische Perspektiven
Angesichts der zunehmenden Digitalisierung militärischer Kommunikation gewinnt die kritische Analyse psychologischer Kriegsführung auch im Hinblick auf gesellschaftliche Resilienz und demokratische Stabilität an Bedeutung. Digitale Technologien erschweren die Unterscheidung zwischen legitimer strategischer Kommunikation und manipulativer Einflussnahme.
Psychologische Kriegsführung wirft eine Reihe ethischer und gesellschaftlicher Fragen auf:
- Manipulation der Öffentlichkeit unterläuft Informationsautonomie.
- Die Unterscheidung zwischen legitimer Verteidigungskommunikation und Desinformation wird zunehmend schwieriger.
- Die Verbreitung manipulierter Inhalte kann zu internationalen Missverständnissen oder Eskalationen führen.
- Digitale Plattformen stehen vor der Herausforderung, koordinierte Einflusskampagnen zu erkennen und zu regulieren.
- Die langfristigen Auswirkungen auf Vertrauen in Medien und demokratische Institutionen sind noch nicht absehbar.
5.7 Prüfbarkeit und theoretische Propositionen
Das PW–MIO-Modell formuliert keine kausalen Wirkungsannahmen, erlaubt jedoch die Ableitung theoretischer Propositionen, die zukünftige empirische Forschung strukturieren:
P1 (Strukturelle Voraussetzung):
Je stärker staatliche PSYOPS-Strukturen institutionalisiert sind, desto nachhaltiger lassen sich Einflussoperationen durchführen.
P2 (Mediale Verstärkung):
Algorithmische Verbreitungslogiken erhöhen die wahrgenommene Glaubwürdigkeit strategischer Inhalte teilweise unabhängig vom faktischen Wahrheitsgehalt.
P3 (Zielgruppenanfälligkeit):
Emotionale Belastung und geringe Medienkompetenz erhöhen die Anfälligkeit für Einflussoperationen.
P4 (Interaktionseffekt):
Die Wirkung psychologischer Kriegsführung entsteht primär durch das Zusammenwirken struktureller, medialer und psychologischer Bedingungen.
Diese Propositionen dienen der theoretischen Präzisierung und ersetzen keine theorietestende Validierung.
5.8 Weiterentwicklungen
Die Weiterentwicklung psychologischer Kriegsführung ist untrennbar mit Fortschritten in der Informations- und Kommunikations¬technologie verknüpft. Kognitive Angriffstechniken werden künftig präziser, dynamischer und stärker datenbasiert, was neue Herausforderungen für Gesellschaften, Militärs und Sicherheitsinstitutionen schafft.
Zukünftige Entwicklungen psychologischer Kriegsführung werden maßgeblich durch digitale Technologien geprägt (Woolley & Howard, 2018):
- KI-generierte Text-, Bild- und Videoerzeugnisse ermöglichen hochgradig realistische Deepfakes.
- Microtargeting erlaubt präzise Ausspielung individueller Botschaften.
- Social Bots und memetische Kampagnen können Diskurse simulieren oder verstärken.
- Cognitive Warfare (kognitive Kriegsführung) adressiert zunehmend kognitive Prozesse selbst – z. B. durch Überlastung, Mehrdeutigkeit oder gezielte Verunsicherung.
5.9 Fazit
Kampfhandlungen werden heute nicht mehr vorrangig auf dem physischen Schlachtfeld entschieden, sondern zunehmend im Informationsraum – in den Wahrnehmungen, Deutungen und Einstellungen von Kriegsteilnehmenden, betroffenen Bevölkerungen und der internationalen Öffentlichkeit. Die historische Entwicklung psychologischer Kriegsführung verdeutlicht, dass mediale Einflussnahme dabei zu einem integralen Bestandteil moderner Konflikte geworden ist. Medienpsychologische Perspektiven erlauben es, diese kognitiven und emotionalen Prozesse analytisch zu erfassen und kritisch zu reflektieren. Damit unterstreichen sie die wachsende gesellschaftliche Bedeutung einer kompetenten Bewertung komplexer Informationsräume.
Literaturverzeichnis
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