Fernsehnachrichten

Auszüge aus dem Buch „Fernsehnachrichten für Deutschland – eine amerikanische Ausgabe?“ von Prof. Dr. Alfred-Joachim Hermanni

S. 26: Angriffsflächen bietet allerdings auch die Tagesschau, denn angeblich versteht jeder fünfte Zuschauer den Inhalt und Sinn der Meldungen nicht. Dieses überraschende Ergebnis  brachte eine neuere  TV-Umfrage der Zeitschrift ‚Neue Revue‘ (Nummer 39 vom 22. September 1989) unter 6363 Männer und Frauen zutage: „Nachrichten werden bei ARD und ZDF  offenbar von Experten für Laien produziert, sie sind schlecht verständlich, langweilig und zu politisch gegenüber den privaten Angeboten“. 

S. 46: Das Bestreben der EUREKA-Chefredaktion  (Anmerkung: Chefredakteur war Hermanni), mit der internationalen Creme de la Creme des Nachrichtenhandels  teilweise exklusiv verbunden zu sein,  wurde mit spektakulären Vertragsabschlüssen gekrönt:  Eureka Vertragspartner von internationalen Bewegtbild-Nachrichtendiensten waren CNN, ESPN, Visnews, Worldnet sowie Win (Anmerkung: später kam u.a. auch die russische Nachrichtenagentur Novosti dazu). 

S. 51: Früher oder später werden wir auch hierzulande öffentlich-rechtliches Frühstücksfernsehen haben. Als ein Orientierungspunkt könnte dann zum Beispiel die NBC-Today Show dienen:  Jeden Morgen von 07:00 Uhr bis 09:00 Uhr ansprechend präsentierte Informationen aus Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur.  Interviews mit Menschen, die am gleichen Tag für Schlagzeilen sorgen, mit Autoren bemerkenswerter Bücher, dazu Kritiken kultureller Ereignisse der vergangenen Nacht, und so weiter. 

S. 55: Deshalb muss ich entschieden dem SAT 1-Chefmoderator Armin Halle widersprechen, der meint, dass für Nachrichtensendungen ein einfaches Prinzip gelte, „Informationen müssen Spaß machen“.[1] Auch wenn er selbst andere Erfahrungen machen möchte , der Fernsehsessel darf nicht während der News Time  zum Hort für Genießer und Abrahams Schoß für Vergnügungssüchtige werden.

S. 61: Gehören jedoch wirklich nur zeitkritische und negativ stimmige Meldungen in die Nachrichtensendungen? Sozusagen als Verteidiger meiner Position würde ich hierzu gerne den Kommentar eines Printmedien-Mannes bemühen: „Kriegerische Aktionen, Katastrophen, Überfälle, Geiselnahmen, Mord und andere Gewalttaten – jeden Abend liefern die Fernsehnachrichten Bilder des Schreckens aus allen Teilen der Welt. Nie zuvor wurde so viel Angst und Verzweiflung in unsere vier Wände getragen wie heute durch das Fernsehen. (….)  Wie oft erleben wir die Tagesschau und heute als einziges Desaster von der ersten bis zur letzten Meldung“.[2]

S. 84: „Mich interessiert gerade das Eureka Programm besonders, weil es einen bestimmten Kontrast zu RTL plus und hat SAT.1 bildet.“[3] (Anmerkung: Das Statement ist Dietrich Ratzke, Generalbevollmächtigter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zuzuordnen)

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S. 93 – 110: Eureka Television hat am 21. Oktober 1988 im Rahmen der „Münchner Medientage“ die TV-Talkshow „Fernsehnachrichten für Deutschland – Forderungen und Möglichkeiten“ organisiert und bundesweit ausgestrahlt. In der rund zweistündigen Sendung, die von Chefredakteur Hermanni moderiert wurde, wurden Themen wie Qualitätsmaßstäbe für Nachrichtenproduktionen, Nutzbarkeit verschiedener Nachrichtenquellen, Nachrichten als Unterhaltungselement und Nachrichten zwischen Information und Sensation behandelt.

Hermanni: Herr Schulze, starten wir doch gleich einmal mit einem heißen Thema, mit einer bedenklichen These, die da stammt von dem Stern-Gründer Henri Nannen, der sagt: „Journalismus heißt, die Welt zu verändern“. Müssen wir schon Journalisten denn aufgrund unserer beruflichen Funktion die Welt verändern? 

Martin Schulze, ARD-Koordinator für Politik:Das sehe ich ganz anders. Wenn jemand die Welt verändern will, dann soll er nicht in den Journalismus, sondern in die Politik gehen. Journalismus, und wir reden ja hier von Nachrichtenjournalismus, heißt für mich, die Ereignisse dieser Welt, die Entwicklungen zu begleiten, das, was geschieht, darzustellen und nicht, Politik zu machen. 

Hermanni: Herr Hardt, Sie kommen von einer großen Agentur, Sie müssten wissen, ob Nachrichten in der Welt manipuliert werden. Ich gehe mal davon aus, ich unterstelle mal, dass die deutsche Presseagentur Vorsichtsmaßnahmen getroffen hat, damit im eigenen Korrespondentennetz möglichst keine Nachrichtenmanipulationen passieren können. Aber haben Sie denn Erkenntnisse, dass Nachrichten heutzutage noch manipuliert werden?

Matthias Hardt, Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Presseagentur: Sicherlich werden Nachrichten manipuliert und es ist die Aufgabe der Journalisten, darauf nicht hereinzufallen. Grundvoraussetzung, das tun zu können, ist ein solides journalistisches Handwerk, ein großes Wissen, die Möglichkeit, Dinge zu durchschauen.  

Hermanni:Welche Vorsichtsmaßnahmen gegen journalistische Manipulationen kann man prinzipiell aus der Sicht des Zeitschriftenmachers treffen, Herr Thorer? :

Axel Thorer, Chefredakteur der Zeitschrift Esquire:Wir schon Journalisten vom Fernsehen wie von der schreibenden Zunft machen uns zu Hampelmännern, zu öffentlichen Hampelmännern, indem wir uns neben die Geiselnehmer, Drygovski oder wie der andere hieß, uns daneben stellen und uns zu Handlangern ihrer Show machen. Also mir ist das sofort eingefallen, dass ich gesagt habe: Jetzt nehme ich einen Baseballschläger mit zu dem Interview, da gehe ich auch hin. Und dann anschließend ist es auch meine Pflicht, mich nicht zu dem Handlanger von dem zu machen und dem auch noch die Show zu liefern, sondern hinter meinen Notizblock den Baseballschläger herauszuholen, dem über die Birne zu knallen und zu sagen: So geht es nicht.

Hermanni: Herr Mose, als Fernsehkritiker beurteilen sie regelmäßig und das seit Jahren TV- Sendungen. Die Hörzu publiziert allwöchentlich eine Fernsehkritik.  Plädieren Sie dafür, dass in Nachrichtensendungen die Informationen interpretiert oder gar kommentiert werden? 

Karlheinz Mose, Fernsehkritiker der Zeitschrift Hörzu:Also, ich glaube – und das aus Kenntnis von vielen Briefen von Zuschauern, die auch bei mir über den Schreibtisch laufen, dass der Zuschauer zunächst einmal die Nachricht haben will und eine strenge Trennung, wie es immer gutes Handeln und gutes Gesetz ist, zwischen Nachricht und Kommentar. Der Zuschauer erkennt eine solche Trennung zu schlecht und gibt dann der Nachrichtensendung einen Stempel.  Die ist dann rechts oder links; meistens ist sie links.  Und so etwas verunsichert die Zuschauer.  Die wollen also die klare ungefärbte Nachricht haben. 

Hermanni: Darf ich mal kurz einhaken, rechts oder links – meinen Sie, politisch rechts oder links?

Karlheinz Mose, Fernsehkritiker der Zeitschrift Hörzu: Politisch rechts oder links, ja.


Teilnehmer der TV-Talkshow „Fernsehnachrichten für Deutschland – Forderungen und Möglichkeiten“ (v.l.n.r.): Matthias Hardt (dpa), Karlheinz Mose (Hörzu), Klaus Liepelt (infas), Alfred-Joachim Hermanni (Eureka Television), Axel Thorer (Esquire), Martin Schulze (ARD)

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S. 177 – 199: Interview mit David R. Jones, Editor of National Editions (Redaktionsleiter der überregionalen Ausgabe) der The New York Times.

Hermanni: Herr Jones, an welchen journalistischen Richtlinien orientieren sich die Redakteure bei der New York Times?

David R. Jones:Viele Menschen, die im Journalismus tätig sind, sind der Meinung, dass es vorgeschriebene ethische Grundregeln geben sollte. Der amerikanische Zeitungs- Verlegerverband (American Society of Newspaper Editors) hat beispielsweise einen solchen Ethikcode bereits im Jahr 1923 festgelegt. Andere Zeitungen dagegen, wie zum Beispiel die Washington Post, der Philadelphia Enquirer und die Daily News, haben ihren eigenen Code. Viele andere Zeitungen, wie unter anderem die New York Times, haben nichts dergleichen.

Hermanni: Wie beurteilen Sie den amerikanischen Nachrichtenmarkt insgesamt von seinem Stellenwert her, wenn Sie ihn mit dem europäischen vergleichen? Ist er unabhängig, frei und qualitativ hoch angesiedelt?

David R. Jones: Vor vielen Jahren war es üblich in diesem Land, dass die Presse weitgehend von politischen Organisationen und politischen Parteien kontrolliert wurde.  In den Anfängen der USA standen viele der Presseorgane vollkommen unter Kontrolle der politischen Parteien; sie waren reine Sprachorgane dieser Parteien und verbreiteten deren politische Ideen.  Dies ist natürlich nicht mehr der Fall, doch waren noch anfangs dieses Jahrhunderts die Verleger vieler Zeitungen sehr eng an die politischen Parteien gebunden, vertraten deren politische Interessen oder die Interessen anderer Etablierter.  Sie benutzten ihre Zeitungen als Sprache und als Befürworter dieser Ideen. Im Laufe der Zeit hat sich dies noch verschlimmert, doch heute – das muss man fairerweise sagen – sind die besten Zeitungen des Landes diejenigen, die eine unabhängigere Haltung einnehmen.

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S. 201 – 225: Interview mit Hal Walker, Bürochef der ABC News in Frankfurt am Main.

Hermanni: Lassen sie uns über den investigativen Journalismus sprechen. Wenn man eine Story recherchiert, wo sind da die moralischen Grenzen? 

Hal Walker:Die Grenzen sind für mich dort, wo man etwas tut, das unmoralisch oder illegal ist. Das geht nicht, das ist die Sache einfach nicht wert.  Wenn jemand die Grenzen verletzt hat, und ich will denjenigen kriegen und ich breche dazu selbst die Gesetze, dann bin ich nicht besser als er.

Hermanni: Glauben Sie denn, ganz allgemein gesprochen, dass der investigative Journalismus eine Berechtigung hat?

Hal Walker:Absolut, das ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Manchmal ist man dabei auf die Hilfe von Amtspersonen angewiesen, manchmal recherchiert man auch gerade das Verhalten dieser Personen.  Investigative Berichterstattung ist äußerst schwierig und doppelt schwierig in den visuellen Medien wie dem Fernsehen.  Es genügt ja nicht, an die Tatsachen zu kommen, man muss sie auch interessant präsentieren – visuell interessant. Und das geht nicht immer, man kann eben nicht alles in Bilder und Filme fassen.

Watergate[4] war eine Ausnahme, da haben eine Menge Leute Glück gehabt. Ich war zur Watergate-Zeit in Washington, und ich arbeitete für ABC im Weißen Haus. Und ich erinnere mich, als die zwei Reporter Woodward und Bernstein (beide waren von der Washington Post) zu den regulären Presse-Briefings kamen und Fragen stellten über Watergate, wurden sie von ihren eigenen Kollegen von dem Pressecorps des Weißen Hauses ausgebuht, da jedermann dachte, sie wollten bloß im Schnee von gestern herumwühlen. Es war gar nicht einfach für die beiden, sich da durchzusetzen, aber sie schafften es, sie hatten wirklich ein Mordsglück, und ich glaube, wir brauchen noch viel mehr Berichterstattung dieser Art. Sie ist natürlich schwierig, sie ist teuer und sie rentiert sich nicht immer.


[1] Halle, A.: Fernsehwirklichkeit: Inszenierung statt Inhalt? In: Die Welt. Bonn 08.05.1989

[2] Henrichs, H.: In: Deutsche Tagespost, Nr. 68 v. 07.06.1986, S. 8. Würzburg

[3] Ratzke, D.: Schreiben an den Eureka-Chefredakteur Hermanni.

[4] Als Watergate-Affäre wird eine ganze Reihe von gravierenden „Missbräuchen von Regierungsvollmachten“ bezeichnet, die während der Amtszeit des republikanischen Präsidenten Richard Nixon zwischen 1969 und 1974 eingetreten sind. Die dramatischen Entwicklungen führten am 9. August 1974 zum Rücktritt Nixons von seinem Amt.

Mittelstands-Verlagsgesellschaft, Bonn 1989